Expedition Happiness Filmkritik

Das vergangene Jahr (2017) war erfreulicherweise ein gutes Jahr für jemand Outdoor-Begeisterten wie mich. Es kamen gleich zwei Filme in die Kinos, wo zwei Paare im mittleren Alter aus der routinierten Arbeitswelt ausbrechen und ihre Freiheit oder den Sinn des Glücks auf anderen Kontinenten suchen. Doch werden sie das Glück auch finden? Mit Filmen wie Expedition Happiness oder Weit gab es für mich wieder einen Grund ins Kino zu gehen. Anfänglich liefen die Filme mehr in Independent-Kinos, was das ganze von der Atmosphäre her privater machte. Hier und Jetzt soll es ersteinmal um die  Expedition Happiness gehen. Ich habe den Film zusammen mit meiner Freundin sowohl im Kino, als auch auf Netflix geguckt. Wir waren sogar auf dem Konzert von Mogli, da wir Beide doch sehr von der Musik von Selima Taibi, so heißt Mogli mit bürgerlichen Namen, angetan waren. Ihr merkt schon, ich rede in der Vergangenheitsform & das hat seine Gründe.

um was geht es in dem film

Felix & Mogli haben keine Lust mehr auf ihre Berliner Bude und wollen raus in die Welt. Was bietet sich da nicht mehr an, als die Vereinigten Staaten von Amerika. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Natürlich hat man in den USA auch nur begrenzt Möglichkeiten, wenn man nicht unbegrenzt Geld zur Verfügung hat, aber das soll auch gar nicht Thema des Films sein. Vielmehr geht es den Akteuren darum: Was bedeutet Glück, Zufriedenheit oder Freude im Leben? Da man in den Vereinigten Staaten aufgrund des Besuchersvisums nur 3 Monate Aufenthalt hat, beschließen die Beiden einen knallgelben Schulbus zu kaufen, ihn in der nötigen Zeit umzubauen und sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Hoch nach Kanada und dann hinunter bis nach Mexiko. Eines oder besser gesagt Einer darf nicht fehlen: Rudi. Ein wunderschöner, verspielter Berner Sennenhund. 

filmkritik

Am Anfang der Dokumentation/ des Filmes deutet Mogli an, dass sich die Beiden für die Reise keine Pläne gemacht haben. Sie sind dadurch ungebunden und haben weniger Stress. Es ist wundervoll zu sehen, wie sie einen alten Schulbus innerhalb von drei Monaten so dermaßen aufmotzen & wohnlich gestalten, dass einem die Kinnlade herunter klappt. Das Ganze wird leider zu kurz und in nur wenigen Minuten des Filmes abgehandelt, der eine Länge von 102 Minuten besitzt. So sieht man nicht wirklich wie viel Blood, Sweat & Tears in dem Projekt stecken. Man kann es nur erahnen. Genauso gekürzt wie der Umbau des Fahruntersatzes gezeigt wird, zieht sich die wahllose Stückelung bis zum Ende des Filmes. Von Kanada bis nach Mexiko zu fahren ist ein großes Projekt, an das nur ein geringer Teil von uns denken & ein noch geringerer Teil umsetzen würde. Felix fährt mit dem Bus von einem Ort zum Anderen. Beim Zuschauer will kein richtiges Reisefeeling aufkommen. Denn, obwohl die Kulissen in Nordamerika traumhaft schön sind, sind sie leider nicht umwerfender wie auf einem x-beliebigen Reiseblogger-Instagram-Channel. Wenn Felix mit seiner Freundin Selima & Hund Rudi aussteigen, sind es immer Seen, Wälder oder das Meer. Zwei Dinge davon gibt es in Berlin und zum Meer wären es von Berlin aus nur einige Stunden, um ans Meer zu kommen. Das ist zumindest mein erster Gedanke, wenn ich die Dokumentation herunter kürze. Auch sonst wird sehr oft aus der V-LOG-Perspektive erzählt, wie toll das Reisen ist und wie toll doch die Orte sind, die man sonst nur aus Büchern kennt. Zum Beispiel die Niagara-Fälle, wo die Beiden eine Drohne haben drüber fliegen lassen. Selima erwähnt beiläufig und mit Schissbuchsen-Stimme, dass das extrem verboten sei. Sie machen es dennoch. Wie kleine Kinder, die ihre rechtlichen Grenzen in Erfahrung bringen wollen. Selbst als Wanderer im Anfangsstadium überschreitet man Grenzen. Und sei es nur das Zelten in den Wäldern Deutschlands. Dennoch berichte ich niemanden von meiner tollkühnen Tat. Nicht, weil ich Angst hätte eine Strafe zu bekommen, weil ein Freund einen Förster kennt, sondern weil man Dinge auch übertreiben kann. Und genau das tut der Film an so viele Stellen. Es wird immer wieder dramatisiert. Sei es an den Niagara-Fällen, einer kleinen Panne mit den Bremsen, weil Herr Starck bergab anscheinend die ganze Zeit die Bremse durchdrückt oder, dass einem die erneute Einwanderung in die USA schwer gemacht wird. Das sind Dinge von denen weiß man vor so einer Reise, wenn man sich informiert. Ich weiß, dass mir auf 3000km Radreise mal der Schlauch platzen kann. Ich habe das Gefühl, dass die Dramatisierung in dem Film sehr künstlich erzwungen waren, weil anscheinend Nichts zwischendurch passierte. Wie kann man an Orten wie einem BANFF-Nationalpark vorbei kommen und nichts davon zeigen. Als wäre die ganze Tour eine Bucketlist, die es abzuhaken gilt. Als wir uns den Film ein zweites Mal auf Netflix ansahen, schaute ich mir die Entfernungen zwischen den einzelnen Punkten an. Tatsächlich liegen zwischen den einzelnen Orten immer mindestens 1.000 Meilen dazwischen. 1.000! Meilen an denen anscheinend nichts passiert ist, an denen sie keinem Menschen über den Weg gelaufen sind oder an denen sonst irgendwas Besonderes auf dem Weg war. Gut, mit so einem Schulbus kommt man auch nicht überall hin. Als Felix noch mit Megafon-Händen "Alaaaaskaaaaa" rief, denn martialisches, enthusiastisches brüllen war das nicht, hatten wir noch Hoffnung, dass der Film gleich am Anfang an Tiefe gewinnt, aber er plätscherte nur so vor sich hin. Zu dreiviertel mit der Musik seiner Freundin & Sängerin Mogli. Eine tolle Werbung für Beide.

 

Was wäre der Film nur ohne Rudi, und das im wahrsten Sinne des Wortes (Achtung Spoiler). Der treue Hund kommt mit der ganzen Reise nicht klar, die einem Punkt zum Anderen folgt. Und in Death Valley entschärft es ihn aufgrund der extrem hohen Temperatur von über 40°C. Rudi, wie gesagt ein schweizer Berner-Sennenhund, hat sowieso schon dickes Fell und somit ist es umso unverantwortlicher ihn der prallen Mittagssonne auszusetzen. Irgendwann kommen Beide darauf, dass es besser ist, ihm nicht der Mittagssonne auszusetzen, sondern Nachts rauszulassen. Sehr weise. Sehr, sehr weise. Generell rückt Rudi immer mehr in den Fokus der Reise, da es im gesundheitlich immer schlechter geht. Er wird schwer krank und hat hohes Fieber, so dass die Beiden die Reise abbrechen... müssen?...wollen? Es lässt sich schwer deuten. Wo Rudi noch auf der Arztliege versorgt wird, wird fleißig weiter mit der Kamera drauf gehalten. Ich will dazu sagen, dass ich Hunde über alles liebe. Wenn ich dann aber sehe, dass der treuen Lebenspartner kurz vor dem sterben ist und man dennoch keine andere Sorgen hat, um das Ganze zu filmen, bin ich einfach sprachlos. Sie verkaufen letztlich ihren Bus und fliegen zu Weihnachten wieder zurück zu ihren Eltern. Das Felix, Selima & der angeschlagene Berner Sennenhund noch mit einem Drogenbaron oder eher mit seinem Anwesen in Kontakt kommen ist ein kleiner, außergewöhnlicher Augenblick in dem Film, aber das war es auch schon. Wie gesagt, dem Film fehlt es sowohl an filmischer Raffinesse, Inhalten & Akteuren, denen man abkauft wirklich nach dem Glück zu suchen und nicht ihre Haushaltskasse mithilfe eines solchen Projektes aufzufüllen. 

Filmtechnik

Nun braucht man keine großen Anforderungen an jemanden stellen, der nichts mit der Filmbranche am Hut hat. Genauso wenig, wie ich kein Glied der Filmbranche bin und darüber urteilen könnte. Bei dem Film gibt es dennoch einiges, was mich wirklich aufregt. Kann man, wenn man schon plant einen Film für das Kino zu drehen oder sei es nur für Youtube, wenigstens versuchen so wenig Dreckflecken auf dem Sensor wie möglich zu haben? Hätte der Film wenigstens noch Tiefe wäre es mir egal. Selbst im Independent-Kino, als wir Weit geguckt haben, waren uns die Ruckler im Film (aufgrund der Technik im Kino) völlig egal. Der Film hat gefesselt. Aber das hier bei Expedition Happiness ist die reinste Zumutung. Vor allen Dingen für Leute, die mit Kameraausrüstung arbeiten und aufwachsen. Wollt ihr es sehen? 

Wenn man nur fotografieren mit Blende 1.4 gewöhnt ist, dann merkt man nicht, was man für eine Drecksschleuder mit sich herum trägt. Erst bei homogenen Flächen wie dem blauen Himmel wird es dann interessant, wenn die Blende die magischen Grenzen von 7.1 bis 9 erreicht. Hier machen sich die kleinen Flecken auf dem Kamerasensor bemerkbar. Da sieht man auch, wie gut die Reise aus technischer Sicht vorbereitet wurde. "Egal, wie es nachher aussieht. Hauptsache Drama & Hipper Zeitgeist der 2010er!". Das Schlimme ist, dass es sich durch den gesamten Film zieht. 

 

Dann diese pseudo-intimen Momente beim Sonneuntergang oder alleine dastehend vor dem kristballblauenem See. Da gibt Herr Starck noch mal richtig Gas, um seine Freundin ins richtige Licht zu setzen. Mittig positioniert mit Heckansicht und dann 5 Sekunden still stehen vor der großartigen Natur. Alles für die Kamera, alles fürs nicht vorhandene Drama, alles fürs Geld? Ab und an guckt Selima dann sentimental, traurig, fröhlich, mit einem Schulterblick drein. Ich weiß nicht, was das soll?! Gucke ich mir gerade den Germanroamers-Film an? 

fazit

Wenn Expeditioness Happiness ein Gewässer wäre, dann würde ich es mit einem kleinen Nebenfluss vergleichen, der so vor sich hin fließt, wohingegen Weit den Niagarafällen gleich kommt. Expedition Happiness ist keine Dokumentation, denn da fehlt es eindeutig an Tiefgang, den auch kein Pseudogeschwafel erzeugen kann. Naturbilder kann ich mir in viel besserer Qualität von Nachwuchsvideografen auf VIMEO angucken. Und, wenn ich wirklich was über die Menschen und deren Kultur kennen lernen will, reise ich persönlich in die Länder, denn in diesem Film werde ich nichts davon kennen lernen. Der Film ist mit Abstand einer der langweilligsten Low-Budget-Filme, die ich je gesehen habe. Selbst Youtube-Videos aus dem Sarek-Nationalpark sind da um ein vielfaches spannender. Es braucht nicht immer was passieren, aber man will sehen, was die Beiden sehen & was für Erfahrungen sie sammeln. Sicherlich was für die Generation Instagram, die auf gefakete Bilder & Gefühle steht. Wer wirklich was authentisches haben will, der ist bei Weit viel besser aufgehoben.

post scriptum

Ich kenne das Buch Pedal the World von Felix Starck nicht. Ich kenne ihn nicht mal persönlich. Er ist mir nach den folgenden Äußerungen auf User-Kommentare nicht unbedingt sympathischer geworden. Es verstärkt nur mehr den Eindruck, dass er ein selbstverliebter Hipster ist, dem es nicht ums Reisen, sondern vordergründig um das Geld geht. Hier einige Screenshots von Youtube. Sehr unprofessionell von ihm, wenn man nach einem Film & Buch als Person des öffentlichen Lebens wahrgenommen wird.


(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=QoMY92psmJM)
(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=QoMY92psmJM)

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=QoMY92psmJM)
(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=QoMY92psmJM)

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Marcel (Samstag, 03 März 2018 11:01)

    Ich hatte mir den Film auch im Kino angeschaut nachdem ich seinen ersten Film eigentlich ganz gut fand. Aber Expedition Happiness war wie du sagst auch für mich eher enttäuschend. Es wirkte alles so aufgesetzt und gekünstelt. Das man das Thema mit Rudi so ausgeschlachtet hat fand ich das aller schlimmste!! Da wurde meiner Meinung nach der Hund für ne Story missbraucht. Sehr schwach. Es gab ein paar schöne Aufnahmen und der Bau des Busses war ziemlich cool. Aber sonst kann ich da mit deiner Kritik mit gehen.

  • #2

    Michael (Montag, 12 März 2018 15:27)

    Über das schlechte Storytelling, die verplantheit und auch die technischen Mankos kann ich echt noch hinwegsehen.
    Was für mich den dealbreaker gemacht hat, war die komplett offensichtliche fehlbehandlung von Rudi. Wie kann man so, so nicht nachdenken wenn es um Lebewesen geht, die in einer Weise von einem abhängig sind. Schade, dass diese Story letzten Endes für den arc herhalten musste..

  • #3

    Henk (Montag, 02 April 2018 12:52)

    Mir erschließt sich nicht ganz, warum Du von Selimas Musik angetan warst und es nicht mehr bist, aber gut.
    Einzige Anmerkung: Ich verstehe, dass Felix Kommentare ihn für Dich nicht sympathischer machen - ich finde aber auch, Mensen sollten sich im Netz mal etwas mit unsachlicher Kritik über Menschen, die sie nicht kennen zurückhalten. Ob ein 8 to 5 Job jetzt stressiger ist, als ein Scocial-Media-Leben und ob junge Erwachsene Benefits von ihren Eltern genießen, sollten man mal ganz emotionslos von Fall zu Fall analysieren. Mir geht jedenfalls dieses pauschale gegen Youtuber wettern ebenfalls zeireisch gegen den Strich - obwohl ich kein Fan dieser Maschinerie bin und in Teilbereichen fragwürdig finde.
    Und ich denke, man kann auch etwas sachlicher an Kritik ran gehen, oder es sonst als Filmkommentar bezeichnen. Ich verstehe, wenn man von Projekten wie „Expedition Happiness“ und deren Umsetzung abgebervt ist.