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Gurkenradweg - Spreewald

Wenn man das erste Mal vom Gurkenradweg liest oder hört, kommt einem eventuell ein leichtes Schmunzeln über die Lippen. Im Deutschen ist es redensartlich so gemeint, wenn man von einem Gurkenrad oder einem Gurkenauto sprich, dass die Qualität sehr zu wünschen übrig lässt. Ihn, den Gurkenradweg, gibt es aber dennoch. Und zwar im beschaulichen & fahrradfreundlichen Brandenburg. Hier, wo man sich alle paar Kilometer über einen feststehenden Blitzer freut. Als Radfahrer sieht man wunderschön ausgebaute Fahrradwege, die vielerorts aus Asphalt bestehen und/ oder neben der Bundesstraße entlang führen. 

... immer der Gurke nach! Und das auf gut 260km Strecke. Die Tour führt durch den Unter- und Oberspreewald nach Cottbus und ins Peitzer Land. Vorbei an malerischen Fließen und traditionellen Gurken- und Gemüsefeldern entlang, die dem Weg seinen Namen gaben. Ein Hauch Geschichte wird in den Museen der Spreewaldorte, z.B. dem Gurkenmuseum in Lübbenau OT Lehde, erlebbar. Ein besonderes Highlight ist der Besuch einer Gurkeneinlegerei (auf Anmeldung) mit Gurkenverkostung. Die habe ich mir allerdings gespart und habe mir tatsächlich die guten Gurken in einem Glas gekauft, das ich auch in München hätte erwerben können. Egal! Gurke ist Gurke! 

Planung

Meine erste große Fahrradtour. Wie schon in der Anfangsphase beim Wandern gehe ich hier alles sehr spontan an. Was für mich wichtig ist, ist das Wetter. Es ist Oktober und es fehlt nicht mehr viel, dass der Winter blitzschnell da sein kann. Ich checke den Wetterbericht und das Zeitfenster für das optimale Wetter ist riesig! Es soll knapp eine Woche lang die Sonne scheinen. Und was noch viel besser ist. Der Wind. Er ist praktisch nicht vorhanden. Ich bestelle mir noch fix ein paar Fahrradtaschen von VAUDE, die für 100€ echt günstig sind. Die Karakorum sind zwar nicht wasserdicht, aber das wollte ich auch nicht. Es sind halt Gut-Wetter-Taschen und eine Regenhülle liegt zur Not bei. Die kürzlich erworbene Hängematte ist auch am Start, Schlafsack (+8°C) sowieso und der restliche Kram, wie Klamotten brauch ich hier erstmal nicht aufzählen.

 

Das mein Fahrrad aus fachmännischer Sicht aussieht wie eine Gurke, möchte ich nicht mal abstreiten. Einst ein Discounter-Fahrrad und schon 10 Jahre und mehr alt, macht es nicht den Anschein eines hochwertigen Trekking-Bikes. Dennoch ist es oftmals modifiziert worden. Ob nun verstärkter Fahrradständer für schwere Lasten, Triathlon-Lenker für schnelleres, windschnittiges fahren, LED-Scheinwerfer & kupferne Fahrradklingel. Das für mich wichtigste ist das Navi, was ich vorne am Triathlon-Lenker angebracht habe. Es weißt mir den Weg, ohne dass ich jedes mal nach unten aufs Gestänge (wo das Navi eigentlich sonst angebracht wird) oder auf mein Handy gucken muss.

 

Es ist letztlich das Werk eines Frankensteins, der seine Kreatur über alles Lieben gelernt hat, weil viel Herzblut darin steckt. 

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Kurz hinter Alt Schadow in bewaldetem Gebiet.

1. tag - Auf die Gurke, Fertig, Los!

Ich fahre mit dem Auto nach Alt Schadow. Das Fahrrad habe ich auf dem Dach befestigt und die Taschen im Kofferraum verstaut. Auch, wenn das Dachträger-System von Thule ist, so ganz anfreunden kann ich mich mit dem System nicht. Bei holprigen Straßen oder starkem Seitenwind schaukelt das Fahrrad von der einen Seite auf die Andere. Durch Panoramadach kann ich immerhin sehen, ob es noch da ist. Nach ungefähr einer Stunde erreicht ich einen Campingplatz bei Alt-Schadow. Hier stelle ich das Auto auf einem kostenfreien Besucherparkplatz ab, hole den Drahtesel vom Dach und bepacke ihn mit den Taschen. Jetzt kann es losgehen. Es darf auch nichts mehr schief gehen, denn ich bin wie immer guter Dinge gewesen und habe keinen Ersatzschlauch oder sonstiges Flickzeug bei. Die heiligen Mittel jedes Radfahrers. Ich nehme das mit dem Never Change the Winning Team wohl zu ernst. Egal, denn was jetzt zählt ist Kilometer kloppen. 260 habe ich vor mir und 0 hinter mir. Mein Navi weißt mir immer wieder den Weg. Ich kann es aber für die veranschlagten 3 Tage nicht andauernd anlassen. Die Kapazitäten sind begrenzt. Der Weg ist auch weitesgehend super ausgeschildert. Nur ab und zu fehlen die Gurkenzeichen (wahrscheinlich von Fans des Weges demontiert). 

 

Es geht sofort in waldiges Gebiet hinein. Man fährt über Stock und Stein. Alles ist aber vollkommen gut zu befahren. Selbst mit einem City-Bike wie meinem. Ich stelle fest, dass ich gegen den Uhrzeigersinn fahre, denn nach kurzer Zeit habe ich schon den höchsten Punkt der Strecke hinter mir. Dieser ist echt anstrengend hochzufahren, da es kurz vorher durch sandige Wege führt. Danach geht es aber schnell und steil bergab. Eine Fahrt von grenzemlosen Spaß, wenn man die Piste hinunter brettern kann.

Es ist einfach wunderbar in den letzten warmen Tagen des Jahres so eine Tour zu machen. Es weht nur ein laues Lüftchen. Ich creme mich so oft wie es geht ein (alle zwei Stunden) und verzehre mein Wasserhaushalt relativ schnell. Insgesamt 4,5 Liter habe ich bei. Ab und zu mische ich das Wasser mit so einem Powerpulver aus dem Gym. Ja, ich habe für so Krams ansonsten nix über, aber es steht schon seit einem Jahr unbenutzt in unserem Keller. Letztlich ist das Zeug tatsächlich so gut, dass ich mich vital fühle und keine Müdigkeits oder Schwächeerscheinung habe. Generell sehe ich nicht viele Radfahrer, obwohl das Wetter besser hätte nicht sein können. Aber anders als beim Wandern, wollen Radfahrer sowieso ihre Ruhe haben und sind keine Rudeltiere, es sei denn sie folgen wie Schafe dem Alpha-Hirten.

 

Gegen 14 Uhr bin ich losgefahren und noch nichts gegessen. Ein paar Erdnüsse, mehr aber auch nicht. Bei 23 Grad Celsius habe ich auch mehr Verlangen nach Wasser als nach fester Nahrung. Ich mache zwei Stunden vor Sonnenuntergang noch einmal eine Rast mit leckerem Karamel-Cappucino in einer Moomins-Tasse. Generell mache ich sehr wenige Pausen, da ich sie auch einfach nicht brauche und das Wetter auskosten will. Der Abend bricht so langsam heran, aber ich fühle mich noch fit. Generell bin ich erst 50km gefahren und das ist für meine Verhältnisse nich viel. Doch gegen 18 Uhr wird es zu dieser Jahreszeit schnell duster. Hier brauche ich noch keinen Schlafplatz finden. Ich suche eine halbe Stunde vorher, als ich zwischen Lübben und Lübbenau bin. Da gönne ich mir auch die erste von drei Spirelli-Dosen mit Parmesan-Käse. Direkt an der Dahme bei einer Brückenüberfahrt. Die Restaurant schließen gerade oder haben dies schon längst getan, weil die Saison vorbei ist. Der Gaskocher bringt die Nudeln zum blubbern. Ich zwinge mir jedes Mal die ersten 2-3 Löffel kalt in den Rachen, damit ich auch umrühren kann, weil ansonsten alles beim umrühren an den Seiten überquillt. Damit spare ich mir zusätzliches Gepäck (Topf und/oder Kochgeschirr) und den lästigen Abwasch danach. Die leere Dose wird dann in den Mülleimer gefeuert.

Es ist tatsächlich schwer eine ordentliche Stelle zum schlafen zu finden. Ohne Zelt und nur mit Hängematte ausgestattet, sollten die Abstände der Bäume passen. Direkt im Wald will ich nicht schlafen, weil dann hätte ich auch zu Hause bleiben können. Ich will unbedingt die Sterne sehen. Unbedingt! Nach eine Weile, die Sonne ist schon untergegangen, finde ich auf der linken Seite eine prächtige Stelle. Mit der extrem leuchtkräftigen Kopflampe sehe ich 200 Meter auf einem Feld tote Bäume. Ich wage es und gehe dorthin und es passt einfach perfekt, so wie es im Buche steht. Hier soll heute mein Schlafplatz sein. Später hätte es auch nicht sein dürfen. Mittlerweise werde ich auch von Mücken masakriert. Ein Glück habe ich Mückenspray bei. Es klebt dann zwar im Schlafsack, aber das ist mir egal. Ich baue schnell alles auf, mache ein paar Doppel- und Dreifachknoten in die Halterungsschnüre der Hängematte und ab geht es ins Bett. Die Sterne über mir funkeln um die Wette. Eine herrliche Nacht! Vorerst.

Die Nacht startet anfangs echt gut. Ich habe nicht berücksichtigt, dass, trotz oder wegen des guten Wetters, mittlerweile Oktober ist und ich mich auf einem offenen Feld befinde. Jeder, der frühs auf dem Weg zur Arbeit ist, weiß was ich meine. Kriechender Nebel über den Feldern. Ich spüre die Feuchtigkeit schon vor Mitternacht, als sie durch den Schlafsack dringt. Guter Hoffnung hatte ich keine Isomatte eingepackt. Sie hätte nur unnötig, wichtigen Platz weggenommen und ich konnte mir auch nicht so so recht vorstellen, wie ich das mit der Isomatte in der Hängematte machen sollte. So steigt die Feuchtigkeit vom Feld feuchtfröhlich auf und bleibt direkt am Rücken & Hintern der Hängematte kleben. Ich werde dadurch extrem oft wach. Es ist eine unglaublich unruhige Nacht und ich drehe mich von der einen Seite auf die Andere, bis die Dämmerung irgendwann über mich hinein bricht. Ich will diese tollen Moment auch gar nicht weiter ins künstliche ziehen und steige aus dem feuchten Schlafsack. Ich habe zum Glück eine Jacke bei und schnappe mir die Kamera und schieße damit einige Bilder vom Sonnenaufgang. Zwischendurch springe ich hin und her, um mich aufzuwärmen, am Körper zitternd wie bescheuert. Beim Fotos machen stelle ich mir vor, dass es nicht kalt sei und das ich nicht friere. Das Zittern hört mit diesem Konzentrationsspiel auf. Ich packe schnell meine sieben Sachen, schiebe das Fahrrad vom Feld und breche gegen 07:00 Uhr auf. Ich schwöre mir ein paar Minuten später, dass ich nicht noch eine Nacht wie Diese draußen verbringen woll. Nicht noch eine Nacht. Lieber jetzt 180km reißen, anstatt wieder zu frieren. Scheiß auf die Sterne. 

2. tag - Soweit die Gurke trägt

Ich fahre und fahre und fahre. Dabei komme ich durch etliche, schöne Dörfer hindurch. Doch mein großes Ziel ist Cottbus, die Metropole am Gurkenradweg. Um dorthin zu gelangen, benötige ich etwas Luft auf die Schläuche. Es fährt sich spürbar schwerer als sonst und tatsächlich fehlen 1,5 Bar. Oh Man! Zum Glück halte ich rein prophylaktisch an einer Autowerkstatt an. Jedes mal geht mir seitdem die Pumpe, weil sie meistens keinen Barometer dran haben. Aber von den Profis weiß man, dass 0,2 Sekunden für 2 Bar mehr ausreichen. Es fährt sich wieder viel leichter. Mal auf Schotter, auf Feldwegen, größtenteils auf der Straße und asphaltierten Radwegen. Es macht einfach nur Spaß. In Cottbus angekommen, fahre ich ohne anzuhalten hindurch. Ich habe jetzt die Zeit im Nacken. Hätte ich die nicht im Nacken gehabt, wüsste ich auch spontan nicht, was es in Cottbus zu bestaunen gäbe. Um Tipps bin ich natürlich für die nächste Tour sehr dankbar. Erfahrungstipps und nicht Frag-Onkel-Google-Tipps ;)

 

Gegen Mittag habe ich um die 60-70km an Weg zurückgelegt. Mir fehlen noch knapp 100km. Selbst, wenn das bedeutet, dass ich bis in die Nacht hinein fahre! Der Hunger macht sich heute bemerkbarer als am Tag zuvor, was an der Nacht zuvor liegen kann. Ich schlinge meine zweite Portion Nudeln hinunter. Doch, das reicht mir nicht und ich halte an einem Restaurant, ziehe mir Schnitzel mit Kartoffelsalat und Pommes rein. Sicherlich nicht das beste Essen bei so warmen Temperaturen. Dazu noch ein Hefeweizen grenzt an einen Super-Gau für die Verdauung! Ich habe zum Glück keinerlei Probleme danach. Als würde alles in meine Reserven aufgesaugt und gleich verbrannt werden. Naja, das mit dem verbrennen der Kalorieren hoffe ich natürlich immer. 

Weiter, Weiter, Weiter! Es hört sich jetzt eventuell nach purem Stress an, aber ist es in der Tat nicht. Ich fahre gediegen mit 22,3 km/h im Schnitt und fühle mich Bombe. Die Felder färben sich in knalliges rot und der Herbstbeginn ist nun eindeutig zu sehen. Am Ende des Horizontes ein paar Kühltürme, die den Anblick der Natur leicht in Mitleidenschaft ziehen. Damals, auf dem Weg mit dem Auto nach Warnemünde (Rostock), wurde mir von meinen Eltern eingebläut, die Kühltürme seien Wolkenmacher. Das stimmt sogar auf eine bestimmte Art & Weise. Danke Papa & Mama für eure Kreativität. 

 

Der Gurkenradweg ist immer wieder abwechsungsreich und wirklich gut ausgebaut. Niemals fühle ich mich komplett verloren. Nur manchmal verfahre ich mich. Das ist aber auch aus mangelnder Sachkenntnis, Unkonzentriertheit oder den Gurkenradwegschilderklauern zu verdanken. Letztere kann ich durchaus verstehen. Ich hätte das Schild auch gerne abmontiert; als Siegerprämie für die 260km. Patches oder Medaillen, wie bei einem Marathon, gibt es hier nicht. Für mich ist der zweite Tag mit seinen 180km ein Marathon. Ich fahre drei Stunden im Dunkeln umher. Die Dämmerung setzt mir zu. Fliegen, Mücken und andere Insekten fliegen so oft in mein Gesicht, so dass ich sprichwörtlich pappesatt bin. Ich realisiere tatsächlich erst nach 30 Minuten des ekelhaften Massakers, das mir den Atem raubt, dass ich ein Halstuch um habe. Verdammt noch mal! Schnell ziehe ich es über Mund und Nase, bis es mit meiner Sonnenbrille abschließt. Die Lösung schlechthin! Ab und zu verirrt sich dennoch eine Kamikaze-Fliege durch einen 0,2mm breiten Spalt zwischen Tuch und Brille und fliegt direkt in mein Auge. Fluchend stoppe ich mit quitschenden Reifen und reibe sie mir fluchend aus dem Auge. Ich vergieße ein paar Tränen für/wegen das/des Mistvieh/s. Eine Stunde Fahrtzeit liegt immer noch vor mir. 160km liegen indessen hinter mir. Ich schiebe dermaßen Knast, weil mein Hirn wohl weiß, dass es nicht mehr weit ist. Alles reine Kopfsache., doch meine Gedanken machen den Körper schwach und ich kann einfach nicht mehr. Ich weiß, dass der Moment kommen sollte und so habe ich noch eine Dose Spirelli dabei. Die mache ich gediegen auf einer Bank an einer Dorfstraße warm. Ich suche vergebens einen Mülleimer, nachdem ich aufgegessen habe. Auf meiner Suche werde ich von einem Passanten angesprochen, ob alles gut sei, was ich mit einem klaren Ja beantworte, nachdem ich 300m weiter die Dose in eine private Tonne donner. Ich fahre nochmals frisch gestärkt die letzten Kilometer und erreiche das Auto gegen 21:30 Uhr. Ein ziemlich langer Ritt für mich, aber es ist extrem cool gewesen und alles lief so ziemlich glatt. Das nächste Mal werde ich eine Isomatte oder einen besseren Schlafsack mitnehmen. Noch besser ein Zelt für spontan feucht-kalte Nächte.

 

Der Gurkenradweg im Spreewald. Leute? Er lohnt sich!

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