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Etappe 5: Deiá - Cúber Stausee

Gegen 06 Uhr wache ich munter auf. Ich überlege nicht, ob ich noch mal die Augen zumache, sondern packe alles zusammen. Die Nacht über blieb es trocken . Damit auch der Schlafsack und die gesamte Ausrüstung. Das hätte mir noch gefehlt, dass es regnet. Aber die Berge haben ja bekanntlich ihre eigenen Gesetze. Die Blasen haben sich gestern leicht geöffnet, so dass Blasenflüssigkeit herausdringt. Dazu noch an perfekten Stellen, so dass die Reibung die Haut nicht komplett abziehen kann. Glück im Unglück. Durch den geringeren Druck am Fuß, geht es spürbar besser. Sicherlich merkt man am Anfang noch den Muskelkater , die Achillessehne oder die Blasen, aber nach gut fünf Minuten sind die Füße warm gelaufen und man kann entspannt den Weg entlang laufen. Es dauert gut 1 1/2 Stunden bis die Sonne aufgeht. Der Weg schlängelt sich, wie gehabt, in schnittigen und kurzen Serpentinen den Berg hinab. Auch, wenn das Ziel aus der Entfernung nah erscheinen mag, so zieht es sich, dank solcher Wegführung, wie Kaugummi nach unten. Dafür ist die Belastung durch den flachen Winkel nicht so hoch. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe alle Zeit der Welt, da ich noch kein Rückgflugticket gebucht habe. Trotzdem ist seit gestern ein mulmiges Gefühl da, als ich im Wetterbericht sehe, wie stürmisch es die kommenden Tage werden soll. Teils mit Böen mit Süitzengeschwindigkeiten von 120 km/h. Da will niemand auf einem Bergrücken unterwegs sein. Ich habe das auf dem Brocken erlebt, nur dass das da keine Böen, sondern durchgehender Orkan war. Da hält dich wirklich nichts mehr auf den Beinen. Es ist lustig bzw. amüsant zugleich, wie unbedeutend man doch, in Relation zur eigenen Kraft, gegenüber dem Orkan ist. Aber solange nichts passiert, feier ich solche Mächte der Natur. Da es aber für mehrere Tage angesagt ist, kommt dann auf Dauer kein wirklicher Wanderspaß auf. 

Aus der Ferne nehme ich Stimmen wahr. Es ist Samstag und ich kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendein Spanier um die Uhrzeit arbeitet. Schon gar nicht auf der Insel hier. Ich komme zu dieser Pauschalisierung, weil hier alles zu hat. Es wird langsam, aber stetig, heller, dennoch lasse ich meine Lampe an. Bis ich in ungefähr 300 Metern ein anderes Licht wahrnehme, was sich bewegt. Ich mache mein Rotlicht-Stealth-Modus komplett aus und schleiche mich an einer Stelle vorbei, mit mehreren, spanischen Wochenend-Biwakierern. Die Leute reden so laut, dass ich denke, man befindet sich mitten in der Stadt. Aber Spanier haben meiner Erfahrung generell ein lautes Organ und man weiß nie, ob sie sich verlieben oder streiten (sinngemäßes Zitat von Ed O'Neill aus "Modern Family"). Weiter oben befinden sich noch weitere Ausflügler. Ich bewege mich mit Katzenbewegungen weiter auf dem Weg. Ein wenig weiter entdecke ich die Autos und denke mir nur so, falls es deren Autos sind: "Wie kann ich nur mit dem Auto in die Pampa fahren, nur um ein paar Meter weiter, ob mit oder ohne Zelt, draußen zu schlafen?" Der Comfort draußen wäre mir zu gering ohne Zelt, dass ich das mit einer Autofahrt in Kauf nehmen würde. "Da benötigt es schon eine kleine Wanderung für das volle Erlebnis", denke ich mir.

Auf dem Weg nach Deiá komme ich an einem Wegepunkt an, wo ich mich entscheide einen Weg einzuschlagen, der mir richtig zu sein scheint. Er geht anfangs auf einer Terasse entlang und ich sehe vor mir ein breites, zwei Meter hohes Tor, das in eine Trockenmauer eingefasst ist. Ungefähr 10 Meter davor nehme ich einen Mann wahr, der in seinem Campingstuhl sitzt und irgendwas sagt. Ich bin von der blauen Stunde und dessen Dämmerungslicht immer etwas blind auf den Augen und nehme solche Sachen erst aus nächster Entfernung wahr. Ich sehe, wie er in seinen Händen etwas hält. Es sind zweit lange Holzstangen. Aber was will er damit? Er sagt irgendwas auf spanisch, aber ich verstehe kein Wort. Er seinerseits kann nichts mit englisch anfangen. Er sitzt so vor dem Tor, dass ich es nicht passieren kann. Nur an der rechten Seite ist ein kleiner Spalt, wo ich gerade so, ohne Rucksack, hindurch passen könnte. Erst, als ich da angelangt bin sehe ich, dass zwischen seinen Holzstäben ein riesiges Netz gespannt ist. Es ist um die drei Meter breit und doppelt so hoch. Was macht er nur damit? Ich denke zuerst daran, dass er Schmetterlinge fangen will und komme in meinem kindischen Gedanken wieder viel zu schnell vom Thema ab und denke an Spongebob und wie er Quallen im Ozean fischt. Trotzdem ist die Situation sehr makaber, da ich sowas noch nicht gesehen habe. Ich habe hier eben (05.02.2018) mal in der Mallorcagruppe nachgefragt, was das sein soll und bekomme prompt eine Antwort darauf:

 

Es sind Leute die spezielle Vogelarten fangen und dann, meist schwarz, auf dem Markt verkaufen. Es ist also, soweit man keine Lizens dafür hat, verboten. Meistens werden Rotkehlchen und generell Singvögel gefangen. Sowas gibt es anscheinend nur auf den Balearen und wird schon seit 1.000 Jahren so gehandhabt. Die älteste und bekannteste Fanmgtechnik nennt sich filats a coll. Bevorzugt wird hier auch Jagd auf Drosseln gemacht. Es gibt wohl viele schwarze Schafe und die Dunkelziffer ist hoch. Egal, ob schwarzes Schaf oder nicht. Ich bin absolut gegen sowas, sage ich, der Doppelmoralist, der zu Weihnachten wieder eine Ente isst. Kurious ist es für mich allemal.

Es wird hier immer mehr zum Dschungel. Ich vernehme Vögel, die zwitschern, dann, die sehr dichte Vegetation rings um mich herum. Man vermag nicht zu glauben, dass man hier auf Mallorca ist. So abwechsungsreich zugleich, gibt es hier einfach wundervolle Abschnitte, die ein wahres Wanderparadies sind. Gerade die schmalen Pfade, wie im oberen Bild zu sehen, sind das, was das wahre Wandern ausmachen. Sie sind gut sichtbar und leicht zu gehen. Aber dadurch, dass das lange Gras die Beine, Hände oder mein Rucksack Äste und Bäume streifen, lassen einem solche Sachen noch mehr an der Natur teilhaben. Der nächste Hauch von Zivilisation scheint weit entfernt und unwirklich, doch nach weiteren 45-60 Minuten erreiche ich einen Zaun, der kein wirkliches Gatter ist. Man weiß hier nicht, ob man drüber klettern oder drunter kriechen soll. Ich tue Erstes und komme endlich in Deiá an. Es hat sich ziemlich in die Länge gezogen, aber der Weg war, bis auf diese seltsamte Begegnung, sehr toll und ist nur zu empfehlen.

In Deiá kommt man an der Refugi de Can Boi vorbei, die zu diesem Zeitpunkt (13.01.2018) geschlossen hat. Schade! Habe ich mich doch so auf ein paar Snickers, einen frischen Salat mit Thunfisch & und einer Nachspeise mit warmen Zimt-Apfelkuchen gefreut. Genau das hat es auf meiner ersten GR 221-Reise gegeben, aber die war Ende Janaur / Anfang Februar und nicht Mitte Januar. Ich habe seit gestern Abend wieder ein gutes Hungergefühl und finde tatsächlich einen kleinen Supermarkt, wo es leckeres Gebäck gibt. Und "OH MEIN GOTT!", es gibt vegetarische Pizza. Davon gönne ich mir zum Frühstück gegen 09 Uhr was & einen leckeren Kakao aus dem Kühlschrank dazu. Auch, wenn es nur Milchpulver mit anderen Pulvern, Zucker & Wasser ist, so ist Kakao DAS Verzehrmittel auf Reisen für mich. Er macht auf irgendeinerweise für eine Weile satt. Befriedigt mit seinem Geschmack den Gaumen und liegt nicht schwer im Bauch. Zusätzlich gibt er sogar noch Flüssigkeit an den Körper ab. Perfekt! Sag ich doch! Ich setze mich auf eine Bank und gustiere vor mich hin, grüße eine ältere Dame mit Krückstock mit einem Lächeln, welches von ihr erwidert wird. 

Ich durchquere Deiá rasch. Bei der ersten Wanderung habe ich mich hier für Ewigkeiten verlaufen. Dies hatte den Grund, dass es aus der Karte absolut nicht einsehbar ist, wo es nach der Bushaltestelle weiter gehen soll. Es ist weder ausgeschildert, noch findet man irgendwelche rote Punkte oder sonstigen Markierung an der Straße. Für alle die andersrum gehen (Deiá --> Valldemossa): Ihr geht an der Bushaltestelle oben nach links. Nur 50-100 Meter weiter, ist auf der rechten Seite ein großes, markantes Hotel ("Hotel Es Moli"). Hier geht der Weg (Cami es Moli) offiziell weiter. Ich habe mich damals dumm und dämlich gesucht, obwohl ich in der Refugi nachgefragt habe. Sie gaben mir keinen Hotelnamen. Ich bin auch unten am Strand von Deiá gewesen, der wirklich sehr zu empfehlen ist. Mehr eine Bucht, als ein Strand und eignet sich fürs Stand-Up-Paddling. Dieses mal gehe ich auf direktem Wege nach Sóller. Er schlängelt sich wieder an der Küste entlang und man genießt den tollen Ausblick auf das Meer. Man legt kaum Höhenmeter zurück und kann den Weg vollends genießen. Es sind von hier noch mal 3-4 Stunden, bis man in Sóller ankommt. Die Route ist nicht die Spektakulärste, aber die Entspannteste. Ich gönne mir auch öfter längere Pausen und genieße die Aussicht. Mir wird auch wieder bewusst, wie wenig Personen ich auf dem Weg bis hierher antreffe, die wandern gehen. Ich kann sie an einer Hand abzählen. Habe ich überhaupt einen richtigen Wanderer getroffen? Ich kann mich nicht entsinnen, jemanden getroffen zu haben. Kurz vor Sóller wird man noch mal vor die Qual der Wahl gestellt. Entweder läuft man Richtung Norden, wo man zur Refugi de Muleta kommt. Die befindet sich direkt am Leuchtturm von Cap Gros und man hat eine der schönsten Aussichten auf Port de Sóller. Die andere Möglichkeit wäre weiter nach Osten zu wandern, wo man vom GR 221, nahe der Bundesstraße Ma-1134, abgeht, um zum Hafen von Sóller zu gelangen. Man kann Port de Sóller genauso gut direkt ansteuern. Das ist das tolle an dem Wegenetz.

Ich liebe die Aussicht vom Leuchtturm auf den Hafen und so bewege ich mich in Richtung Norden. Dort angekommen herrscht, wie schon den ganzen Tag, bestes Wetter. Es ist diesig, aber nicht sehr windig und die Sonne scheint. Nach ein paar Bildern gehe ich hinunter zum Hafen. Sarah & Ich haben damals in einem tollen, kleinen Café gegessen & getrunken. Leckeren, frisch gepressten Orangensaft. Der Beste auf Mallorca, denn die Orangenbäume stehen überall auf Plantagen. Es geht nichts über lokales Obst & Gemüse. Dann haben sie super leckeren Nusskuchen und der Kaffee ist 1A. Dazu die tolle Lage, direkt mit Strand und der Promenade. Der Weg an der Promenade, wo links und rechts riesige Palmen ein Spalier bilden, ist zum dahinschmelzen.

Und Leute was soll ich euch sagen. Ihr könnt es euch sicherlich schon denken und so erspare ich mir jede weitere Erklärung und komme direkt auf den Punkt. Von den zwei Restaurants, die in Port de Sóller geöffneten haben, gehe ich einfach in das nächstgelegene und bestelle Makkaroni Bolognese, nur um 5 Minuten später gesagt zu bekommen, dass es keine Makkaroni gibt. JA! Wie denn auch, wenn alles zu hat und man nichts kaufen kann?! Ich bestelle mir eine Pizza mit Schinken, Parmesan & Gemüse. Im tiefsten Winter ist es schon ein leichter Jammer für den täglichen Gaumenschmauß. Aber Pizza geht immer. Die Fleecejacke, mein bester Reisefreund, hat mich wieder, denn es hat ziemlich aufgefrischt. Besonders dann, wenn man sitzt, bekommt man es eiskalt zu spüren. Die Sonne ist plötzlich nicht mehr da und ich checke den Wetterbericht. Es sieht für die kommenden Tage nicht rosig aus. Besonders die Windgeschwindigkeiten lassen mich grübeln. Port de Sóller ist auf meinem Weg nach Pollenca der letzte Ort, den ich noch mal am Meer verbringen kann. Das Meer würde ich maximal in Port Pollenca wiedersehen. Dazwischen bewege ich mich im Gebirge, teilweise jenseits der 1.000m. Ich weiß, dass mir, ab Biniaraix, ein schwerer Antieg bevorsteht. Von Sóller geht es weiter über Biniaraix steile 875m hinauf. Biniaraix ist vollkommen schön, mit einem super kleinem Marktplatz im Zentrum. Meine Ration geht, seitdem ich gestern Abend das Baguette, die Aioli und das Bier komplett verzehrt habe, gegen Null. Und das meine ich wortwörtlich. Ich habe einfach nichts mehr. Ich bin vorerst gut gesättigt von der Pizza und gehe sehr unüberlegt vor, denn in Sóller selbst gibt es sicherlich einen Supermarkt, der Samstag auf hat. Selbst Sonntags haben hier Geschäfte offen. Ich bin aber nicht sehr Weise und bewege mich sofort weiter von Port de Sóller nach Biniaraix. In dem Dorf sieht es so aus, als gäbe es einen kleinen Konsum, aber da habe ich mich getäuscht, als ich die Tür öffne. In dem Laden ist eine Art Bar, dahinter verschiedene Sorten von Alkohol. Dann ein paar Chipstüten, aber nicht das, was ich brauche, etwas Brot und Wurst. Ich sehe, dass der Ladenbesitzer Mandarinen, Clementinen oder wie man sie sonst so nennt, in einem Korb zu liegen hat. Ich sage ihm, dass ich nur zwei brauche. Er geht davon aus, dass ich 2kg brauche, aber ich zeige ihm nur die zwei. Daraufhin winkt er ab und meint, dass ich die auch so mitnehmen kann. Okay. Geschenkt. Besten Dank! Ich habe jetzt knapp 800 Höhenmeter vor mir und 2 Mandarinen im Rucksack. Nach nur 10 Minuten ist meine Ration um 50% geschrumpft, aber die Mandarine ist super lecker! Ich komme an die berüchtigten Treppen, die mich an einer Schlucht hinauf führen. Zwischendurch gibt es zwei Möglichkeiten, das Wasserreservoir aufzufüllen. Es gibt zwei Quellen mit Wasserhahn. Ich nutze die Letzte und obwohl ich unten am Restaurant, in Port de Sóller, 2 Liter aufgefüllt habe, ist die Wasserblase schon halb leer.  Gut, dass ich hier noch mal nachtanke. So sehr ich es bei der Nahrung missachte, wenn es um Wasser geht, kenne ich nichts. 

Ein paar Gruppen, die vermutlich Canyoning gemacht haben, da sie Neoprenanzüge tragen, kommen mir entgegen. Kein Mensch geht in den Bergen surfen. Noch nicht. Auf der Wanderkarte sehe ich eine Stelle, die extra fürs Canyoning ausgewiesen ist. Seitdem ich in Sóller aufgebrochen bin, sehe ich, wie es sich hinter den Bergen verdunkelt. Von grauen Wolken kann hier nicht mehr die Rede sein. Sie sind schon dunkelblau. Ein heftiger Regenguss hat mir gerade noch gefehlt. Ich habe seitdem das Wettergeschehen beobachtet, aber die Wolken scheinen sich auf der anderen Seite abzuregnen oder kommen nicht über die Bergkette hinweg. Ein Glück für mich. Vorerst, denn ich wandere ja auf diese, andere Seite. Ich komme gut voran und meine letzten ausgedehnten Wandertage machen sich jetzt bezahlt. Ich habe konditionell weniger Schwierigkeiten die Höhenmeter zu bewältigen und komme nach nur 45 Minuten oben an. Dort ist kein Gipfel an sich. Man hat hier eine tolle Aussicht auf Sóller und sieht, wie viel Höhenmeter in so kurzer Zeit zurück gelegt hat. Beeindruckend. In einer halben Stunde setzt die Dämmerung ein. Teilweise zieht der Wind so stark, dass ich nicht mal den Rucksack abnehmen will. Mir ist superkalt. Auch, weil mein Rücken total verschwitzt ist. Man kann die Kondeswasserperlen auf dem Fleece erkennen. Immer wieder schön zu sehen, wie die Feuchtigkeit nach außen transportiert wird. Funktionskleidung at its Best. Mir ist zwar kalt, wenn ich stehe, aber ich friere nicht. Mit normaler Baumwollkleidung wäre ich schon, gefühlt, halb tot gefroren. Es geht noch weiter nach oben in bewaldetes Gebiet und auf einmal trifft mich der Schlaf. Ich merke, wie mein Körper extrem nach Energie lächzt. Ich nehme ein leichtes zittern meiner Hände wahr. Meine Beine fühlen sich plötzlich schwach an und ich komme kaum noch weiter nach oben. Die Mandarine sollte eigentlich zum Abendessen genügen. Ich komme nicht drum herum, diese Notration jetzt sofort zu mir zu nehmen. Sicherlich ist in einer Clementine größtenteils nur Wasser, aber sie liefert das Minimum an Energie, das in dieser verzwickten Situation bitter nötig ist. Es geht mir blitzschnell besser, auch wenn ich weiß, dass dieser Zustand nicht sehr lange von Dauer ist. Ich schaffe es zum Etappenhöhepunkt, dem Coll de l'Ofre. Er liegt auf 875m und die Sonne ist vor kurzem untergegangen. Ich treffe noch ein älteres Spanierpaar (um die 55 jahre alt), die sich auf dem Weg nach Biniaraix machen, um dort zu übernachten. Ich frage sie noch, ob sie ihre Stirnlampen dabei haben, was sie be-jahen. Ich laufe noch einmal den Gipfel des Coll de l'Ofre hinauf und mache ein Foto von dem Farbspektakel. Traumhaft, dieser Ausblick! Mit schwindenden Kräften habe ich es bis hier nach oben geschafft und bin so glücklich darüber. Der Hunger weicht den Emotionen.

Bis zum Cúber Stausee, einer von zwei großen Stauseen für das gesamte Trinkwasser auf Mallorca, ist es von hier noch ungefähr eine entspannte Stunde zu laufen. Das Gelände hat eine leichte Neigung und ist keine Herausforderung mehr für mich. Die kann ich nach meinem Tattrich, wo ich die letzte Clementine essen musste, nicht mehr gebrauchen. Ich will an der Refugi Cúber Stausee schlafen. Normalerweise kümmert man sich um einen Schlüssel, um in die Hütte zu gelangen, aber ich will nicht in, sondern an der Hütte schlafen. Die gesamte Zeit ist nichts auf der mallorcinischen Insel los. Umso mehr traue ich meinen Augen nicht, was ich an einem so verlassen Ort vorfinde. Direkt an der Refugi steht ein Auto. Ich gehe dennoch bis an die Hütte heran und vernehme Stimmen & Licht, welches aus den Ritzen der verschlossenen Tür schimmert. Ich klopfe an der Tür. Die zwei Stimmen verstummen und die Schritte, zur Tür hin, werden lauter. Mein Herz schlägt instinktiv schneller. Der Türgriff geht herunter und sie öffnet sich. Ich bin noch nie in der Hütte gewesen und weiß somit nicht, wie es darin aussieht. Ein Mann im guten, mittleren Alter steht vor mir. Seine Freundin oder Frau sitzt am Tisch, der reichlich mit Brot, Wein, Wurst und allerlei schöner Sachen gedeckt ist. Im Hintergrund sehe ich den Kamin, der bei vollem Feuer den Raum beheizt. Das Holz knackst vor sich hin. Eine gemütliche Atmosphäre. Beide gucken mich, verständlicherweise, mit großen Augen an. Genauso wenig, wie ich erwartet habe die Beiden hier anzutreffen, tun das die Beiden auch von mir. Sie wollen einen schönen Abend, hier am See, in uriger Atmosphäre verbingen  und auf einmal klopft es plötzlich an der Tür. Es fehlt nur noch das berühmt, berüchtigte Gewitter und ein schwerer Regenschauer, um das ganze perfekt, wie in einem Horrorfilm, zu machen. Ich versuche mich mit dem Mann auf englisch zu unterhalten. Der spricht aber nur gebrochen und gleichsam schlecht englisch. Ich verstehe die wichtigsten Worte wie private, rent, only for us. Ich will ja nicht bei euch schlafen. Zumindest nicht offiziell. Darum frage ich ihn, ob es denn nicht möglich wäre, einfach unter dem Vordach des Hauses zu schlafen. Ich habe die bittere Vorahnung, dass ich die Nacht nicht so glimpflig mit dem Wetter davon komme. Er besteht dennoch weiterhin auf seine Meinung und meint, dass sie es nur für sich gemietet haben und dazu gehört auch das, was drum herum ist. Die Frau sagt kein Wort und so schließe ich die Tür und komme mir vor wie ein Hund, der draußen gelassen wird, nicht am Kaminfeuer liegen darf & kein kleines Häppchen vom Buffet bekommt. "Muss ich schrecklich aussehen!", denke ich mir und gehe ein Stück weiter. Bei meiner ersten Reise habe ich auch hier gezeltet. Generell schlafe ich auf dieser Reise an alten Plätzen. Das gibt mir irgendwo auch ein gutes Gefühl daheim zu sein.

Es ist bereits 21 Uhr und das Drama ereignet sich ab diesen Zeitpunkt für die kommenden 12 Stunden. Ich sehe, wie sich, von Westen her, Wolken über die Berge und Hügel bewegen. Meinen Schlafplatz habe ich soweit eingerichtet, dass schon der Biwaksack auf der Isomatte liegt. Wenn ich heute gefragt werde, warum die Isomatte nicht mit im Biwaksack ist, kann ich es nicht beantworten. Es wäre auf jeden Fall besser gewesen. Noch liege ich im Schlafsack, telefoniere mit Sarah und bin noch eine Stunde an meinem Smartphone, um Instagram anzugucken. Ich schaue mir meine Stories, teilweise mehr als 10 Mal, an. Nicht etwas wegen Selbstverliebtheit, sondern um den Tag auch visuell rekapitulieren zu lassen. Doch dann höre ich das Geräusch auf dem Polyester. "Oh Gott...", sage ich mir leise & mit resignierter Stimme. Das hat mir jetzt echt noch gefehlt. Ich schließe den Biwaksack bis auf eine kleine Lücke, damit ich noch etwas Luft bekomme. Nach knapp 10 Minuten ist die Innenseite extrem klamm. Draußen sind maximal 2°C und der Wind macht es nicht besser. Noch immer kommen ab und zu heftige Böen. Auf einmal fängt es richtig an zu regnen. Ich schließe den Biwaksack komplett. Ich  habe vorher gesehen, dass das Wasser von draußen abperlt und lebe in der Hoffnung, dass das Wasser nicht hinein dringt. Er ist neu und die Imprägnierung ist noch vorhanden. Mir ist bewusst, dass das Kondensationswasser die Daunen klamm macht, aber nicht so nass, wie es durch den Regen werden würde. Mir ist auch nicht kalt. Ich haben noch zwei weitere Schichten am Oberkörper an. Den Merinopullover und die TNF Thermoballjacke. Der Regen raubt mir in der Nacht den letzten Nerv, da er immer wieder schubweise kommt. Ich weiß auch nicht, ob es eine rein psychologische Sache ist, dass ich bei geschlossenem Biwaksack extrem schlecht Luft bekomme und deswegen schwer & tief atme. Es ist auf jeden Fall ein sehr beklemmendes Gefühl und so werde ich immer wieder wach, ob durch die schlechte Luftaufnahme oder durch den teils schweren & lauten Regen. Ich fasse immer wieder an einige Stellen meines Körper, um zu schauen, dass es nicht irgendwo durch den Schlafsack durchsifft. Aber das tut es bis in den Morgen nicht. Das ist meine erste Nacht des Grauens! Lieber im Schneesturm, als bei Regen. Ich binge es trotzdem irgendwie fertig zwischendurch vier Stunden durchzuschlafen. Mein Körper & Geist benötigen einfach Erholung, egal bei welchen Umständen auch immer. Selbst damals bei der Bundeswehr, schlief ich irgendwann im Truppenpanzer (TPZ) ein. Selbst, wenn der Motor lief. Ich hoffe, dass der Morgen bald da ist, um aufzubrechen. Würde ich es jetzt irgendwann in der Nacht tun, ich würde die kommenden Etappe nicht schaffen. Ich habe heute 33km zurück gelegt.

Fazit für den Tag:  Immer auf das Schlimmste gefasst sein. Worst Case sind nicht nur Wörter. Es ist ein Szenario auf das du immer vorbereitet sein solltest. Physisch & Psychisch.

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